{"title":"Text","metaTitle":"Text – Time Leaks · alfatih · Kunsthaus Langenthal","maincontent":"<p>Der Philosoph Giorgio Agamben beschrieb mit dem Begriff der <em>Disposition</em> administrative Abläufe, Infrastruktur, Medien oder Geräte wie Smartphones als undurchsichtige und unnachgiebige Maschinerie, die das Individuum in seinem Alltag beeinflusst und vereinnahmt.1 Die Verhaltensmuster, die dadurch entstehen, sind den meisten bekannt, und dennoch bleibt es vielen verwehrt, damit einen bewussten Umgang zu finden. Ähnlich beschäftigen sich die installativen und interaktiven Arbeiten von alfatih immer wieder mit der Frage, welche Impulse die Menschen bewegen – und vor allem auch wie. Auch im Kunsthaus Langenthal spielt er mit der Wahrnehmung und den Bewegungsmustern der Besuchenden, die einzelne Arbeiten selbst auslösen. Unter anderem bezieht sich der Künstler hierbei auch auf einen spezifischen Stil des improvisierten Rollenspiel der als LARP (kurz für Live Action Role Playing) bekannt wurde. Darin verkörpern Spielende ihre eigene Spielerfigur und durchlaufen in Gruppen unterschiedliche Lebens- oder Fantasie-Szenarien – zum Vergnügen und um neue Erkenntnisse aus abstrakten Welten zu gewinnen.</p><p>Bereits aus einiger Entfernung lassen sich im Gang des zweiten Stockes leise Geräusche ausmachen. Tropfendes Wasser, das Klacken eines Poststempels, Verzerrungen. Der Fluss von akustischen Impulsen, welcher der Arbeit <em>Time Leaks</em> (2026) entspringt, wird von einem Richtlautsprecher präzise gelenkt und trifft die Besuchenden beim Betreten der Ausstellung unausweichlich. Auch die Videoarbeit <em>The Secret to Tax Evasion, and Other Life Wisdom</em> (2026), die in einem Schrank aus dem Fundus des ehemaligen Kaufhauses präsentiert wird, befasst sich mit dem Zugang zu Informationen und den Lebensweisheiten, die einigen Menschen vorbehalten zu sein scheinen. Hier bewegt sich ein gefalteter Origami-Kranich rhythmisch in den Strömungen eines Flusses, begleitet von einer narrativen Stimme. Es handelt sich um eine poetische Anleitung dazu, wie sich aus den diesjährigen Steuerdokumenten des Kanton Berns ein Kranich falten lässt, der schwimmt. In abgedämpfter Form lässt sich der Erzählung auch durch die verschlossenen Schranktüren folgen.</p><p>Wie bei dieser Umwälzung von bürokratischen Verpflichtungen in humorvolle Ausweichversuche findet ein spielerischer Umgang mit starren Strukturen auf unterschiedliche Art und Weise Einzug in die Ausstellung. So bildet die solarbetriebene Arbeit <em>Force Majeure</em> (2026) einen in sich geschlossenen Kreislauf, welcher sich mit Verzögerung an dem Langenthaler Wetter orientiert – für das Laden des Akkus sind sonnige Tage nötig. Ähnlich reagiert auch die Arbeit <em>Adagio for Fish</em> (2026) auf externe Impulse zu ihrer Aktivierung. Sie ist Teil einer andauernden Recherche des Künstlers zu scheinbar funktionierenden Systeme bei denen Input und Output nicht immer klar auszumachen sind. Die sprechenden Fische erschienen Anfang der Nullerjahre regelmässig als Attraktion in Wohnzimmern und Kneipen und geben vereinzelt auch heute noch Ratschläge auf Knopfdruck wie «Don’t Worry, Be Happy». In der Arbeit von alfatih wird dieser Mechanismus korrumpiert und funktioniert innerhalb eines undurchschaubaren Systems nach neuen Gesetzmässigkeiten.</p><p>Die Unbeständigkeit der Dinge und Dogmen wird auch in der Arbeit <em>Untitled</em> (2025) aufgenommen, wo allgemeingültige Binsenwahrheiten im Sekundentakt neu konfiguriert und relativiert werden. Übersetzt auf Deutsch liest sich eine Abfolge der Wortcollagen als: «Das Glück muss all deine Zeit vergessen, Du wirst unsere Zeit vergessen, Du wirst unsere Liebe zerstören». In Anlehnung die drehenden Displays von Slot-Maschinen aus der Glückindustrie winkt hier der Gewinn des Jackpots als Ausweg aus den Regeln eines gewöhnlichen Lebens. In einer ähnlich zirkulären Bewegung im Uhrzeigersinn drehen auch die beiden Projektoren der Arbeit <em>Zero-Sum Game</em> (2026) und werfen dabei ein Bild in verschiedene Räume. Die projizierten Rohdaten des digitalen Steuerungsportals der gesamten Ausstellung schaffen einen fragmentarischen Einblick hinter die Kulissen des Dispositiv. Die individuelle Kapazität, verschachtelte Informationen zu entschlüsseln, wird hierbei durch einen Farbfilter begünstigt.</p><p>In einem Spiel mit verschachtelten Regeln werden die Besuchenden der Ausstellung sowohl zu Zeug:innen wie auch Akteur:innen von einer Serie technischer Zusammenhänge. Der Titel der Ausstellung «<em>Time Leaks</em>» (dt. Zeitleck) entspringt hierbei einer Redewendung für ineffiziente Arbeitsprozesse und kann als bildliche Darstellung eines oftmals unbemerkten Zeitverlustes verstanden werden. Neben der zeitlichen Überlappung von nostalgischen Objekten und visuellen Referenzen mit technisch anspruchsvollem Code in den neuen Arbeiten von alfatih verbildlicht sich die Zeit auch als stetiger und unaufhaltbarer Motor in zirkulierenden Mechanismen wie Wasserkreisläufen, Videoprojektionen und Sound-Loops. Der Ausfluss als Störung eines Signals wiederum spiegelt sich auch in der Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Räumen wider, zwischen denen Aktivierungs-Trigger, Bild und Ton interferieren. Das omnipräsente Bild des Wassers als unvorhersehbares und unbändiges Element nimmt so nicht nur Bezug auf den Standort des Kunsthauses, sondern taucht an verschiedenen Orten als Gegenpol zu den starren Strukturen der Bürokratie auf. Zwischen humorvolle und spielerische Momente mischen sich in Time Leaks auch immer beunruhigende Elemente der Überwachung, der Intrusion und des Misstrauens. Das Dispositiv welches hier in unterschiedlichen Formen gleichsam offengelegt, wie verdunkelt wird, verlangt nach der Entschlüsselung seiner Funktion. Ins Zentrum rückt eine Reflektion über taktische Zusammenschlüsse und Abhängigkeiten gegen Systeme mit fliessenden Wahrheiten und ausbeuterischen Zügen.</p><p>Text von Marius Quiblier</p>"}